Grenzerfahrungen... von Estland nach Russland.
Natürlich haben wir uns im Vorfeld schon fleissig über die Formalitäten beim Grenzübertritt nach Russland erkundigt. Zahlreiche Horrorstories über unverständliche Zollformulare, der Verpflichtung zum Abschluss sinnloser Kfz-Haftpflichtversicherungen und ekelhafte Zollbeamte steigern unsere Vorfreude auf Sankt Petersburg nicht unbedingt.

Aber erstmal gehts los in Estland, genauer gesagt in Narva. Die Grenze nach Russland verläuft dort auf der Narvabrücke.

Aber diese Brücke sehen wir erst lange nicht. Wir sind ziemlich früh in Narva, holen uns gleich mal frische russische Rubel (für die Haftpflichtversicherung und für Bestechungsgeld, weil der Fähnrich mit seinem abgelaufenen Führerschein unterwegs ist).

Wir folgen dann brav der (äusserst unübersichtlichen) Beschilderung "Borderstation". Erstmal landen wir aber nicht an der Grenze, sondern in einem großen, ummauerten Parkplatz. Dort stehen auch schon ein paar wenige PKWs, LKWs und Busse rum. An dem Häuschen mit der Nr. 1 muss der Fähnrich dann seinen Ausweis und den KfZ-Schein vorlegen, er zahlt 1,10 Euro und wir bekommen einen Zettel mit unserem Kennzeichen und einer Uhrzeit drauf, nämlich 12.00. Uns wird dann erklärt, wir müssen uns in eine der erfreulicherweise sehr kurzen PKW-Schlangen vor dem Häuschen mit der Nr. 2 einreihen und wenn unser KFZ-Zeichen auf dem nebenstehenden Display erscheint, dürfen wir nochmal 3,00 Euro zahlen, bekommen einen neuen Zettel und dürfen dann mit diesem neuen Zettel zur eigentlichen estnischen Grenze. Das kann ja nicht so lange dauern, denken wir uns. Ist ja nix los. Leider hat es mit der Zeitangabe durchaus seine Bewandnis und wir werden erst ab 12.00 Uhr abgefertigt... und wir haben grad halb zehn...Tatsächlich kommen wir um halb eins dran, d.h. wir warten 3 Stunden auf dem Parkplatz und wissen eigentlich nicht genau warum.

Da hinten, da wo es dunkel ist, da ist Russland... Der große Warteparkplatz, links das Display, auf das wir 3 Std. gestarrt haben
Wir werden nun schon sehr nervös, denn den Erfahrungsberichten zufolge kann der russische Grenzübertritt mit allen Zollformalitäten schon mal 4 Stunden dauern. Und die Fahrt nach Sankt Petersburg dauert auch nochmal locker 2 Stunden und wir haben eigentlich keine Campingplatzreservierung sondern nur ne vage E-mail-Bestätigung... Oh je...

Naja, was hilft's. Also mit unserem neuen Zettel geht's dann weiter zur estnischen Grenze. Ein erster Schlagbaum: Wir bringen der Dame unseren 3,00 Euro Zettel, sie ist zufrieden. Sie sagt irgendwas von "Stopp" und "Schlagbaum", worauf der Fähnrich gleich mal aufs Gas drückt. FALSCH!!! Stehen bleiben!!! Aber irgendwann hebt sich der Schlagbaum dann doch. Weiter dann zum nächsten Schlagbaum, zur eigentlichen Passkontrolle für die Ausreise. Die schauen auch tatsächlich nochmal so halbherzig ins Wobi und dann hebt sich auch dieser Schlagbaum und weiter geht's über die Brücke... ins wilde Russland. Dort kommt erstmal die nächste Passkontrolle. Eine freundliche Dame schaut unsere Pässe an, erklärt uns, wie man die Migration Card ausfüllt und gibt uns Zollformulare in DEUTSCH!!! Jippiee!

Das geht dann auch recht flott und wir dürfen einen Schlagbaum vorrücken zum Zoll. Die meist weiblichen Grenzbeamtinnen stehen etwas gelangweilt rum und wirken durchaus vergnügt. Erstmal jagen sie aber einen Schäferhund durch unser Wohnmobil. Der beanstandet aber nur meine Kopfschmerztabletten. Ein etwas unmotivierter Zöllner schaut auch nochmal durchs Wohnmobil und in den Motor, kann sich aber nicht zu einer vertieften Durchsuchung aufraffen. "Unsere" Beamtin erklärt uns was, wir verstehen nix, darauf sagt sie erstmal "Come on Baby" und kichert wie blöd. Wir verstehen und trotten ihr hinterher. Sie erklärt uns die Zollformulare, wir füllen diese an Ort und Stelle in Ruhe und ohne Hektik aus. Die Schlange hinter uns wird immer länger. Irgendwann sind wir fertig, das Mädl tippt wie wild in ihren PC alles ein und .... es hebt sich der nächste Schlagbaum ... wir winken ihr noch zum Abschied, sie winkt zurück und lacht... ja mei, so sollten die Grenzen sein!!!

Diese ominöse Haftpflichtversicherung mussten wir übrigens auch nicht abschließen und den Führerschein vom Fähnrich wollte eh keiner sehen.

Angeblich sollte dann gleich nach der Grenze nochmal ne Verkehrskontrolle als zusätzliche Schikane kommen, aber die interessieren sich auch nicht für uns (und für den abgelaufenen Führerschein des Fähnrich). So tanken wir denn erstmal fröhlich für nur noch 75 Cent/Liter und ab gehts auf die SCHLIMMSTE SCHLAGLOCHPISTE, die wo es geben tut auf der ganzen Welt. Der Fähnrich kommt mit den ganzen Ausweichmanövern (nicht nur die Schlaglöcher gefährden uns, sondern auch der Fahrstil der Russen) ganz schön ins Schwitzen.

Da mussten sich Morski, Billy und Willy ganz schön festhalten
Das wird leider nicht besser, als wir in Sankt Petersburg ankommen. Also der Fahrbahnbelag schon, aber nicht der Fahrstil: Ständige, scheinbar völlig sinnlose Spurwechsel, U-Turns auf 2-3spurigen Hauptstraßen und das Reinfahren in völlig überfüllte Kreuzungen ist Usus. Dabei wird telefoniert oder SMS geschrieben. Aber der Fähnrich lässt sich nichts gefallen und eignet sich den russichen Fahrstil sehr bald an. Das hilft uns aber in der Rush-Hour auch nicht viel, v.a. wenn man wie wir quer durch die Innenstadt fährt (weil auf der Umgehungsstraße Stau war, haha).
Irgendwann, nach etlichen Irrungen und Wirrungen und Beinahe-Unfällen landen wir dann doch am Lesnoy-Prospekt. Dort müsste sich unser Campingplatz am Kulturhaus "Progress" befinden. Natürlich finden wir den Campingplatz erstmal nicht. Die Kommanderin läuft den Prospekt auf und ab und befragt etliche Passanten und irgendwann entdeckt sie in einem Hinterhof die Hausnummer 17/2. Ein erster Blick in den ranzligen Hinterhof lässt Übles ahnen... Wo ist da ein Campingplatz? Und wo ein Kulturhaus? Naja, was hilfts. Es ist halb neun, wir haben nur eine weitere, ebenso vage Adresse und wir sind müde. Leider sind wir schon etwas zu weit gefahren, wir haben keine Ahnung wie wir da umkehren können und so fährt der Fähnrich kurzentschlossen, während der Rushhour, mal 200m rückwärts auf dem vierspurigen Lesnoy Prospekt rückwärts - das ist die echte russische Autofahrerseele!

Der Fähnrich war dann auch erstmal etwas entsetzt ob unseres neuen Domiziles. Wir gehen in die einzig offene Tür des davor liegenden "Kulturhauses" und in der Tat: Dort drin ist ein Büro, in dem eine ältere, sehr freundliche Dame uns empfängt. Sie spricht zwar kein Englisch (und wir kein Russisch) aber es handelt sich anscheinend tatsächlich um eine Art Campingplatz. Zumindest wundert sie sich nicht allzusehr über uns. Sie telefoniert, und ein ebenso netter älterer Herr, der auch englisch spricht, heisst uns wenige Minuten später willkommen und erklärt uns die Einrichtungen. Die sind zwar sehr spartanisch, aber das haben wir auch nicht anders erwartet. Später kommt noch sein Spezi, der erklärt uns in noch besserem Englisch, dass wir auch Wifi haben und wie man in die Stadt kommt usw. Doch ned so schlimm, wie es erst ausgschaut hat. Uff!!!

Die Zufahrt zum Kulturhaus
Unser Camping mit Kulturhaus im
Hintergrund
Unser Wasseranschluss Unser Stromanschluss
So, nun sind wir in Sankt Petersburg. Wir dürfen die Uhr auch nochmal um eine Stunde vorstellen, das heisst, es wird noch später dunkel. Na ja, dunkel ist hier relativ... es handelt sich eher um eine geringere Helligkeit. Dies wird hierzulande gerne etwas euphemistisch als "Weisse Nächte" tituliert. Es soll sogar Leute geben, die extra um diese Zeit anreisen, um hier wg. der ständigen Helligkeit nicht gscheit schlafen zu können. Also ich für meinen Teil mache alle Luken im Wobi dicht und hoffe, einigermaßen schlafen zu können nach all der Aufregung.

Schließlich wartet morgen ein sicherlich ebenso spannender Tag in Sankt Petersburg auf uns.